Horses with Handicap – Part I

Geschmäcker sind verschieden, das gilt wohl immer im Leben, aber im Reitsport besonders. Der eine mag große, schlanke Pferde, der andere kleine, bullige und dem Dritten ist es egal, solange der Charakter stimmt. Manche Pferde haben allerdings offensichtlichere „Schönheitsfehler“, die richtiggehende Handicaps sein können. Können, aber nicht müssen. Drei Geschichten, die zeigen, dass auch Pferde mit Handicaps im Sport laufen können.

Felicitas Knauer & Hesa Classic Blue

Es war Mittwoch, der 14. Juni 2017. Ein sehr sonniger, heißer Tag, alle Pferde waren auf der Koppel. So auch mein Blue, der es liebte mit seinen Kumpels den ganzen Tag draußen zu sein. Als ich gerade auf dem Weg in den Stall war, kam der Anruf, Blue hätte ein verletztes Auge. Unterwegs versuchten wir vergebens, einen Tierarzt zu erreichen. Dr. Wendt kam und übernahm die Erstversorgung. Es sah sehr schlimm aus. Mit einem riesigen Verband brachten wir Blue in die Klinik nach Gessertshausen. Nach der Untersuchung war klar, dass er heute noch operiert werden musste. Mit schwerem Herzen fuhren wir nach Hause, bis nach einer vierstündigen Operation der erlösende Anruf kam, dass er zumindest den Eingriff gut überstanden hatte – wenn auch als absoluter Intensivpatient! Jetzt hieß es warten. Die darauffolgenden Tage verbrachte ich zum größten Teil bei Blue in der Klinik. Die Wunde heilte gut. Keiner konnte allerdings sagen, ob er auf seinem linken Auge noch etwas sehen kann. Dann kam eine Augenspezialistin aus der Uniklinik München, die mit mir zusammen eine Ultraschalluntersuchung des Auges machte. Dann war klar: Blue ist auf seinem linken Auge irreversibel erblindet. Die Welt drohte einzustürzen. Ich war am Boden zerstört. Sein verlorenes Augenlicht wurde sehr beweint. Wie sollte es weitergehen? Wie würde er damit umgehen, was würde noch möglich sein? Aber so wie man Blue‘i kennt, hat er alle Hürden gemeistert. Es war für uns beide eine riesige Umstellung und eine Menge Arbeit. Allerdings habe ich ihm auch versprochen, immer sein linkes Auge zu sein. Irgendwie sind wir noch enger zusammengewachsen. Ohne Einschränkung macht er alles, was er zuvor auch gemacht hat. Nach einem Jahr Turnierpause haben wir uns der Herausforderung erneut gestellt. Wir waren zurück auf der Showbühne.

Mittlerweile geht mein Blue wieder auf jede Show mit mir und niemand würde merken, dass er auf der linken Seite blind ist. Außer wir verraten uns mit unserer blauen Fliegenmütze, ohne die es nicht mehr geht. Er braucht seine Fliegenmütze im Sommer von in der Früh bis Abends, da er sonst anfängt, zu shaken. Vor jeden Turnier muss ich dann zu den Richtern gehen und fragen, ob ich die Fliegenmütze auch während der Prüfung tragen darf. Wenn das geschafft ist, steht der Show nichts mehr im Wege. Es gab am Anfang viele blöde Blicke, aber ich denke, bei den Paints hat es sich schon herumgesprochen, dass er auf einer Seite blind ist.

Auf der Euro Paint 2018 wurden wir European Reserve Champion Amateur Ranch Riding, ebenso auf der Bayern Paint Bayerischer Meister Amateur Ranch Riding. Wir machen wieder alles wie zuvor, selbst Showmanship. Allerdings mussten alle Manöver mit anderen Kommandos besetzt werden, da er mich nicht mehr sehen kann. Ich hoffe sehr, einigen Lesern etwas Mut gemacht zu haben. Nicht aufgeben, weitermachen, sich vertrauen und einfach lieb haben. Wahrscheinlich war es genau das, was uns einfach weitermachen ließ. Auch meine Trainerin Monika Hagen hat den Glauben an uns nicht verloren und uns immer weiter angespornt. Vielen Dank an dieser Stelle nochmal für jede Unterstützung!

Lisa Georgi & Ima Dark Lady

Durch eine kaum sichtbare kleine Verletzung am rechten Hinterbein kam es bei Lady zu einem Einschuß, normalerweise kein großes Ding: Tierarzt holen, der spritzt Antibiotika und die Schwellung ist am nächsten Tag fast weg. Doch nichts da: Am nächsten Tag war das Bein noch viel schlimmer geschwollen. Das Antibiotikum schlug also nicht an. Der Tierarzt wechselte das Antibiotikum, was auch etwas half, aber die Lymphgefäße waren nicht mehr zu retten. Nach circa einem Jahr mit Hilfe von Physiotherapeuten, Lasertherapie und Blutegeln wurde es zumindest so gut, dass sie wieder geritten werden konnte.
Die Bewegung auf Dauerweide reichte aber nicht, um die Wasseransammlung im Bein zu verringern und es stellte sich heraus, dass nur regelmäßiges Reiten eine dauerhafte Besserung brachte. Nach nur zwei Monaten Training gewann Lady die Hunter under Saddle Maturity auf der Ostfuturity im vergangenen Jahr. Wir legten dazu den Richtern vor den Starts ein Tierarztattest vor, was auch amtlich bestätigte, dass sie völlig schmerzfrei ist, ohne jede Medikation. Im März haben wir sie mit Un Forgettable besamt und Lady war sofort tragend.  Vor Kurzem hatten wir einen Kurs mit der Allround-Trainerin Elif Schleininger, die sehr begeistert von Lady war und uns mit folgenden Worten Mut machte, sie doch zu showen.

„Ich finde, dass ein unfallbedingter Schönheitsfehler an einem Pferd nicht die Leistung beeinträchtigen sollte. Gerade in gerittenen Prüfungen. Solange das Pferd keine körperlichen und mentalen Beschwerden zeigt, sollte es ,gebraucht,genutzt‘ werden. Was ist denn schlimmer? Es ungenutzt stehen zu lassen? Oder versuchen durch sportliches, pferdegerechtes reiten weiter zu fördern und zu verbessern, vor allem wenn das Pferd noch jung ist.“

 Jetzt haben wir uns entschlossen, sie auf der Summer Show in Kreuth zu starten.

Alexandra Brausch & One Again Jetsetter

Mein Name ist Alexandra, ich bin 38 Jahre alt und seit meinem 13. Lebensjahr dem Westernreitsport verfallen. Mein Quarter Horse Wallach One Again Jetsetter, geb. 2003, aka Wicki oder Dick ist seit 2006 in meinem Besitz. Dick ist einfach ein herzensgutes Pferd, das immer alles für mich gibt, auch wenn unser Weg meist sehr steinig war und wir schon so manchen Schicksalsschlag gemeinsam gemeistert haben. So brachte er von Anfang an seine Wehwehchen mit, leider kamen nach und nach immer weitere dazu, die mich anfangs wirklich verzweifeln ließen und uns immer wieder aus der Bahn warfen: COPD,Sommerekzem, Griffelbeinfraktur, Hufbeinfraktur. An dieser Stelle möchte ich kurz ein großes Dankeschön an meine Unterstützer, an „Team Wicki“ richten, ohne die wir heute nicht hier stünden: Tierphysiotherapie Ilka Kessler, Pferdeklinik Altforweiler Dr. Claudin Anen und Dr. Andreas Rupp, CrossfitHorses Julia und Nicole Greb.

Den größten Rückschlag gab es 2012: Nach unzähligen Untersuchungen, Fehldiagnosen und zwei Jahren Behandlungsversuchen und endlich der klaren Diagnose „Glaukom“ musste ich ihm das rechte Auge entfernen lassen. Zwei Jahre Tortur lagen hinter uns, von einer Klinik in die nächste und hätte ich dies alles vorher gewusst, hätte ich diese Entscheidung früher gefällt. Die OP verlief gut und kaum war das Auge draußen, machte er einen völlig befreiten Eindruck. Wir mussten uns im Handling natürlich deutlich umstellen, trotzdem haben wir auch diese Hürde zusammen gemeistert. Für Wicki war danach natürlich alles im Sport schwerer, da ihm jetzt das räumliche Sehen fehlt, so kann er beispielsweise im Trail nicht mehr unterscheiden, was vor ihm liegt: eine Stange flach auf dem Boden oder erhöht oder im Gelände ein Baumstamm. Er sieht das alles, kann aber nicht mehr selbst einschätzen, wie hoch oder wie breit die Gegenstände sind. Mir war auch nicht bewusst, wie schwierig die Showmanship jetzt für uns wird, da ihm sein rechtes Auge fehlt und ich ihm links oft den Blick durch meinen Körper versperre, mussten wir uns da erst wieder neu orientieren. Also waren unsere Turniere anfangs davon geprägt und auch ich musste mich mit neuen Dingen beschäftigen, über die ich mir vorher nie Gedanken machen musste. Anfangs hielt er immer den Kopf schief, da er versuchte, alles mit dem linken Auge zu sehen. Dies brachte uns natürlich in vielen Disziplinen Minus in den einzelnen Manövern, was uns immer deutlich zurück warf. Darauf konnten die Richter natürlich keine Rücksicht nehmen, sie konnten ja oft auf die Distanz nicht erkennen, dass ihm ein Auge fehlt, oder ob es nicht doch ein „Rittigkeitsproblem“ ist. Was ich auch verstehen konnte. Dies gehört Gott sei Dank der Vergangenheit an und wir sind ein richtig gutes Team, heute bemerken die wenigsten, dass ihm ein Auge fehlt. Lediglich beim Abreiten auf den Turnieren kommt es für uns noch zu Schwierigkeiten, da ihm das oft alles zu viel ist, die vielen Pferde, die Enge, Pferde aus allen Richtungen, aber die meisten versuchen Rücksicht zu nehmen und lassen genügend Abstand.

Er beweist mir jedoch jeden Tag aufs Neue, wie gut wir als Team funktionieren und dass diese Zeit uns nur noch mehr zusammengeschweißt hat. Wir haben trotz seinem Handicap unzählige Landesmeistertitel bei der EWU in nahezu allen Allroud-Disziplinen erreichen können und nehmen immer mit Finalteilnahme an der GO teil. Was mich sehr stolz macht, da wir uns alles alleine erarbeitet haben, natürlich mit Unterstützung von Trainern, auch hier möchte ich nicht unerwähnt lassen, dass den größten Anteil an unserem Erfolg das Training mit Leon Schardt hat, er hat uns auf den richtigen Weg gebracht. Danke! 

Meine Erfahrungen sind also durchweg positiv mit einem Pferd mit Handicap im Sport und da man sich immer neue Ziele setzten soll, werde ich mir dieses Jahr einen Wunsch erfüllen und mich mit meinem Dick zum ECQH nach Kreuth wagen, um eine schöne Zeit mit netten Menschen zu verbringen.



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