Western Meets Dressage

Vergangenes Jahr hat die bekannte Reitbloggerin Harriet Jensen die Q16 besucht. Harriet reitet Springen und Dressur und die Q16 war das erste Mal, dass sie wirklich in Kontakt mit dem Westernsport kam. Als wir uns verabschiedeten, gab sie zu, dass sie durchaus das ein oder andere Klischee vom Westernreiter im Kopf hatte, bevor sie herkam, die aber alle widerlegt wurden. Was offensichtlich wurde: Oftmals hapert es an der Kommunikation zwischen dem “klassischen” Reitlager und dem, was man im Deutschen gerne “Western” nennt – Englischdisziplinen wie HuS und Eq miteingeschlossen. Die AQHA Amateur Reiterin Laura Pfeifer steht mit ihren Pferden in einem reinen Englischstall und ist sich dessen bewusst, dass viele Englischreiter immer noch das Klischee vom Lasso schwingenden, Kühe jagenden Westernreiter im Kopf haben. Zusammen mit ihrer Freundin Viktoria, die Dressur bis M** reitet, entschied Laura sich, dass man die Kommunikation und das Verständnis zwischen beiden Lagern definitiv verbessern sollte. Die beiden riefen einen Instagram Account ins Leben (western.meets.dressage), auf dem sie ihr Training und Showleben dokumentieren und zeigen dabei, dass es zwischen dem Allroundsport und dem Dressurreiten durchaus Gemeinsamkeiten gibt.

TSL: Laura, Viktoria, wie habt Ihr Euch kennengelernt und wie seid Ihr auf die Idee gekommen, so einen Instagram Account zu erstellen?

Laura: Ich bin vor zweieinhalb Jahren mit meinen Pferden in diesen Stall gezogen, Viktoria ist von klein auf hier zuhause. Wir kannten uns flüchtig, weil sie am Gymnasium im Jahrgang unter mir war. Beim Reiten haben wir uns dann eben ab und an gesehen, aber eigentlich nicht viel miteinander gesprochen. Nach und nach haben wir uns dann kennengelernt und ich habe ihr auch erzählt, dass wir Harriet getroffen haben und was sie für eine tolle Person ist. Außerdem habe ich Viktoria auch erzählt, dass ich schon immer einen “Pferdeaccount” haben wollte, auf dem ich mehr Bilder von meinen Pferden posten kann – auf meinem privaten Account habe ich ja auch viele Freunde, die nichts mit Pferden am Hut haben und die will ich nicht immer mit meinen Pferdesachen “belasten”. Irgendwann möchte ich vielleicht auch gerne einen Reitsportblog machen, auf denen ich Produktreviews poste und deshalb habe ich dann auch Viktoria angesprochen, ob wir nicht einen Instagram Account machen wollen, auf dem wir zeigen, dass Western und Englisch gut harmonieren können, dass das kein Kontrast sein muss.

Viktoria: Genau, wir kamen eben auf die Idee, auch einen Instagram Account zu machen, weil viele Leute ja schon solche Accounts haben und darüber auch gesponsert werden. Da ja auch eine gewisse Barriere zwischen Western- und Dressurreiten besteht, wollten wir diese sozusagen “einreißen” und den Leuten die Gemeinsamkeiten und Unterschiede näher bringen.

Viktoria und ihr Trakehnerwallach Ruben; Bild: Markus Pfeifer
Viktoria und ihr Trakehnerwallach Ruben; Bild: Markus Pfeifer

TSL: Viktoria, was war Dein erster Gedanke, als Du gehört hast, dass Westernreiter zu Euch in den Stall kommen?

Viktoria: Mein erster Gedanke war: “Um Gottes Willen, hoffentlich geht unser guter Boden nicht kaputt!” Ich hatte, um ehrlich zu sein, beim Westernreiten eher dieses Rindereinfangen im Kopf, dieses schnelle Drehen und solche Sachen. Ich wusste eigentlich gar nicht, dass es auch diese andere Sparte des Westernreitens gibt.

TSL: Wie sieht Euer gemeinsames Training aus, gebt Ihr Euch zum Beispiel gegenseitig Feedback?

Laura: Während des Trainings kommunizieren wir eigentlich nicht viel – am Anfang war es eher ein Abtasten: Was macht sie, was mache ich? Wir haben dann immer mehr festgestellt, dass wir sehr ähnlich reiten, zum Beispiel mit Hinblick auf die Galopparbeit, wie man den Galopp gesetzter macht oder die Pferde auf den Galoppwechsel vorbereitet. Ich habe das Gefühl, dass wir gut harmonieren, wenn wir reiten und auch oft die gleichen Probleme mit unseren Pferden haben. Wir beobachten einander viel. Irgendwie kann man sich im Reitsport immer gegenseitig  helfen.

Viktoria: Wir treffen uns oft abends im Stall und reiten dann zusammen und es kommt häufig vor, dass wir uns Tipps geben. Spontan fällt mir da das Beispiel “Galoppwechsel” ein – das ist ja in beiden Sparten ein wichtiges Element. Wir schauen dann einander zu, sagen was gut war oder geben der anderen einen Tipp. Auch das Halten und Rückwärtsrichten, Vorhandwendungen und solche Elemente sind Sachen, bei denen wir uns gut gegenseitig helfen können. Laura hat mich beispielsweise neulich auch gefragt, wie man den starken Trab am besten aussitzen kann.

TSL: Wo seht ihr Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen dem Allroundsport und der Dressur?

Laura: Grundsätzlich kann man meiner Meinung nach jedes Pferd in beiden Sparten reiten. Bis zu welchem Grad kommt dann natürlich auf das Pferd an. Aber grundsätzlich unterscheidet diese Sparten nicht viel. Die großen Unterschiede sind eben die Aufrichtung und die Knieaktion, die bei der Dressur gefragt sind. Beim Westernreiten soll das zwar auch alles gesetzt sein, aber die Pferde müssen die Spannung selbst über den Rücken halten und sollen keine Anlehnung vorne suchen. Das ist dann natürlich schwer, da gemeinsame Übungen zu finden, aber Themen wie Galoppwechsel sind sehr ähnlich: Zwar wird der Wechsel anders ausgeführt, aber die Vorbereitung ist dieselbe. Ich reite auch viele Seitengänge, Übergänge – das ist das, was Viktoria auch tagtäglich macht. Die Art des Arbeitens ist ähnlich: Die Pferde werden schonend auftrainiert und nach und nach aufgebaut. Ab und an springen wir auch ein bisschen: Ich nehme meinen Englischsattel, Viktoria ihren Springsattel und wir stellen uns ein paar Cavalettis rein. Das bringt Abwechslung und macht Spaß.

Viktoria: Ich denke, die Gymnastizierung ist sehr ähnlich, gerade die Aufwärmphase mit Vorwärtsreiten und Leichttraben. Außerdem hat man in beiden Sparten ja auch Disziplinen, bei uns eben die Dressur, in denen man allein eine Aufgabe reiten muss. Ich glaube, das “Aufstylen” für das Turnier ist auch in der Dressur und im Western-Allroundsport sehr ähnlich, in Letzterem vielleicht sogar extremer.

Viktoria und Ruben im Training; Bild: Markus Pfeifer
Viktoria und Ruben im Training; Bild: Markus Pfeifer

TSL: Laura, Du hast selbst schon bei einem Dressurlehrgang von Viktorias Trainerin mitgemacht – wie waren Deine Erfahrungen?

Laura: Ja, genau – Viktorias Trainerin ist immer noch im Sport unterwegs und ich habe mitgemacht, weil Viktoria mich gefragt hat. Ich war sehr positiv überrascht: Wir haben viel daran gearbeitet, dass Matze viel über den Rücken läuft, sich nicht am Zügel festbeißt, sondern zum Gebiss hinläuft. Da hatte ich davor große Probleme und sie hat mir sehr geholfen. Ich bin früher auch Dressurreitstunden mitgeritten und habe als Kind Vielseitigkeit gemacht und es war für mich wie eine kleine Zeitreise. Ich habe es sehr genossen! Was für mich natürlich neu war, war, dass da jemand in der Mitte steht, der sagt: “Jetzt durch die ganze Bahn wechseln! Jetzt durch den Zirkel! Traversalen nach rechts!” Ich musste sehr viel nachdenken – das war wirklich anstrengend. Ein Westerntrainer lässt einen eher allein reiten und gibt situativ Hinweise und bei der Dressur wird viel mehr über Lektionen geritten. Das gibt es bei uns eben nicht so extrem. Wir kriegen eher Hilfestellung, wenn es hakt, anstatt einer “Dauerbetreuung”. Mir hat es sehr viel Spaß gemacht und es ist immer toll, in eine andere Reitsparte reinzuschnuppern!

TSL: Gibt es beim Handling oder der Haltung Unterschiede, die Dir besonders auffallen?

Laura: Gravierende Unterschiede gibt es eigentlich nicht. Viktorias Pferde sind genauso – wenn nicht besser – erzogen wie meine. Die bleiben überall artig stehen, rennen einen nicht über den Haufen. Da war ich sehr positiv überrascht! Viktoria ist da auch sehr konsequent. Es gibt doch immer das Gerücht, dass Englischpferde etwas temperamentvoller sind als unsere Westernpferde, die man überall stehen lassen kann – das ist aber bei Viktoria nicht der Fall! Größter Unterschied bei uns ist, dass ich meine Pferde nicht immer anfangs viel vorwärts reite: Es gibt auch Tage, an denen ich meine Pferde gleich anfangs am langen Zügel Trail machen lasse und dann, wenn sie warm sind, mehr von ihnen fordere. Einfach deshalb, weil ich nicht möchte, dass meine Pferde lernen, dass sie anfangs immer vorwärts gehen dürfen, weil ich schon das Problem hatte, dass sie mir eher etwas unter dem Hintern weggerannt sind und eben nicht vorwärts-abwärts gelaufen sind.

Viktoria: Klar, im Training ist auch vieles anders: Gerade das Equipment, vor allem die Gebisse. Ich würde Laura zustimmen, dass unser Handling der Pferde sehr ähnlich abläuft. Die Pferde kommen alle raus, werden geputzt – da gibt es kaum gravierende Unterschiede.

Laura und ihr Quarter Horse Wallach Potentializing ("Matze"); Bild: Markus Pfeifer
Laura und ihr Quarter Horse Wallach Potentializing (“Matze”); Bild: Markus Pfeifer

TSL: Stichwort Equipment: Nutzt Du viel Englischequipment oder gibt es Ähnlichkeiten?

Laura: Ich bandagiere meine Pferde, die tragen immer Gamaschen und Hufglocken, auch wenn sie auf die Koppel kommen. Ich benutze auch diese typischen Englischgamaschen und nicht die Reiningboots. Ich trage außerdem auch sehr gerne Kleidung von Marken wie Eskadron oder Pikeur und stehe extrem auf Abschwitzdecken: Im Winter, wenn es kalt ist, werden die Pferde immer einer farblich passenden Abschwitzdecke warmgeritten – stereotypisch Englischreiter. Ich liebe es außerdem, im Huntersattel zu reiten – mindestens einmal in der Woche – und liebe deshalb auch meine Eskadron oder Ariat Englischreithosen, meine Cavallo Boots. Manchmal fühle ich mich im Englischsattel wohler als im Westernsattel, wenn ich ehrlich bin.

TSL: Was sind denn neben dem Training Aspekte, die ihr diskutiert?

Laura: Was wir viel diskutieren, ist der Leistungsanspruch: Im Westernreiten kann man mit viel Fleiß und jeder Art von Pferd – egal, ob Hafi oder Quarter Horse – weit kommen: Man kann Americana gehen oder Golden Series und viel Geld und Ansehen gewinnen. Man misst sich bei uns mit anderen Amateuren und nicht zwingend mit Profis. Im Dressurssport kann man als Amateur, wenn man nicht extrem reich ist, kaum so weit kommen wie bei uns. Man braucht entweder Sponsoren oder einen Namen. Deshalb bin ich zu hundert Prozent froh, dass ich Westernreiterin bin – der Sport ist einfach anders strukturiert, man hat mehr Chancen: Eben wie beim amerikanischen Traum, vom Tellerwäscher zum Millionär – wer viel arbeitet, kann auch gut sein. Für Viktoria ist es ein ferner Traum, mal auf dem CHIO Aachen Gelände zu starten. Dafür ist unser Sport eben unbekannter und kleiner. Auch bei dem Instagram Account haben wir schon daran gedacht, Sponsoren an Land zu ziehen, sobald die Internetpräsenz da ist. Das ist eigentlich unser Ziel.

Vielen Dank Euch beiden!

 

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